Wolfgang Hofmann
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70 Jahre Freie Wähler an Lahn und Dill

Seit 70 Jahren gibt es in Solms und damit auch an Lahn und Dill die Freie Wähler. Grund genug für die Kommunalpolitiker ohne Parteibuch, ihre Erfolgsgeschichte am 04.11.2015 in der Solmser Stadthalle gebührend zu feiern. 
Nicht mit viel Pomp und Paukenschlag und doch im würdigen Rahmen. "Wer hat schon einen Zeitzeugen in seinen Reihen, der noch so detailreich und humorvoll über eine so lange Zeitspanne berichten kann?" so der Vorsitzende der FWG Lahn-Dill, Wolfgang Hofmann. 
Der Solmser FWG-Vorsitzende Frank Hintersehr hieß die rund 100 Gäste in der Solmser Taunushalle willkommen, zu denen auch Landrat Wolfgang Schuster (SPD), die Kreistagsvorsitzende, Elisabeth Müller (CDU), der 1. Kreisbeigeordnete Heinz Schreiber (Grüne) und weitere Vertreter des Kreistags, sowie Vertreter der Stadt Solms mit Bürgermeister Frank Inderthal (SPD) an der Spitze gehörten. 

Roland Esch, Erich Mohr, Wolfgang Hofmann, Frank Hintersehr v. li.: Roland Esch, Erich Mohr, Wolfgang Hofmann, Frank Hintersehr

Den historischen Part des Abends übernahm Ehrenbürgermeister Erich Mohr, der in seinem 90. Lebensjahr einen detaillierten, kurzweiligen und beeindruckenden Rückblick auf 70 Jahre Entwicklung der Freien Wähler gab und viel Applaus bekam. "Ich war im November 1945 neunzehnjährig dabei, als bei meinem Schulfreund zu Hause im Wohnzimmer die Freien Wähler gegründet wurden", so Mohr, der daran erinnerte, dass die Amerikaner als Militärregierung Vorschläge für die erste demokratische Wahl nach dem Zweiten Weltkrieg förderten, die am 26. Januar 1946 stattfand. Mohr berichtete von Saalschlachten im Wahlkampf 1948, als viele junge Leute beim Aufbau Deutschland helfen wollten und 1.500 Flüchtlinge und Heimatvertriebene in Solms lebten. "Noch 1960 herrschte ein harter Kampf, die SPD war neidisch auf unsere vielen jungen Leute und fuhr tatsächlich mit Autos auf uns los." Die FWG erreichte trotzdem die absolute Mehrheit. 
Auch die Gebietsreform anfangs der 1970-er war Thema mit der Stadt Lahn und harten Kämpfen darum, wer mit wem eine Großgemeinde bildet. "Wir haben unsere Arbeit mit Weitblick an der Bevölkerung ausgerichtet und konstruktiv zusammen gearbeitet", so Mohr. Den Schritt in den Kreistag hatte der Frust in den Kommunen begründet, die sich der SPD-Mehrheit beugen mussten. Binnen fünf Wochen stand ein Wahlvorschlag, 500 Leute kamen in Rodheim zusammen und mit einem Autokorso wurde geworben und das Ziel erreicht. 
Mohr erinnerte an Kooperationen und Koalitionen, die Arbeit von Wolfgang Hofmann, der 21 Jahre als 1. Beigeordneter wirkte und auch Horst Euler, der zurzeit als ehrenamtlicher Beigeordneter tätig ist. "Was mich bedrückt, ist das nachlassende Interesse an kommunalen Themen und auch die Wahlmüdigkeit", so Mohr. "Ich bin seit 70 Jahren Freier Wähler und werde es bleiben bis zu meinem Lebensende, denn die Kommunalpolitik hat mich jung gehalten."
Uwe Röndigs, Vorsitzender des Freiwilligenzentrums Mittelhessen und Chefredakteur der Zeitungsgruppe Lahn-Dill, sprach unter der Überschrift "Freiwilliges Engagement zwischen Kommunalpolitik und Bürgerinitiativen" die Wichtigkeit der Ehrenamtler an, die Unterstützung aus der Politik brauchen und im Freiwilligenzentrum Hilfe bekommen können. "Das Ehrenamt wandelt sich, die Menschen wollen lieber projektbezogen arbeiten und brauchen deshalb Qualifizierung, neue Impulse, Netzwerke und Vermittler", so Röndigs. Gerade in der Flüchtlingsarbeit komme dies zum Tragen.
 "Was sind die Aufgaben der FWG an Lahn und Dill?" fragte Wolfgang Hofmann und gab auch gleich die Antwort: "Wir wollen verantwortlich an der kommunalen Selbstverwaltung mitwirken und stehen dafür ein, dass die Menschen unseres Kreises gesund, gut ausgebildet, materiell gesichert, in einer intakten Umwelt kulturell bereichert leben können."
Das Wie stehe in den festen Strukturen von Recht und Gesetz und vorgegebenen Pflichtaufgaben vor Herausforderungen. Als Beispiel wurden auch hier die Flüchtlinge angeführt, die allenthalben die Menschen bewegen. "Unsere Herzen sind weit, unsere Möglichkeiten begrenzt", zitierte Hofmann Bundespräsident Joachim Gauck. "Wir schaffen das", sei keine Maxime, man müsse für alle Seiten effektive Lösungen finden. "Die Arbeit von Freiwilligen ist für uns von zentraler Bedeutung und muss entsprechend finanziell unterstützt werden", so Hofmann. Dafür fehle allerdings die finanzielle Ausstattung durch Bund und Länder, die von den Freien Wählern eingefordert werde. 
Weitere Stichworte waren die demografische Entwicklung, medizinische Versorgung, erneuerbare Energien. "Wir müssen die Menschen dazu bewegen von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen", forderte Hofmann. 
Wolfgang Schuster setzte ebenfalls bei den Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund an, die er als Chance sieht. "Wir sind froh über 70 Jahre Frieden in Europa, aber Europa muss auch Belastungen gleichmäßig verteilen", fordert der Landrat. Frank Inderthal dankte insbesondere der FWG Solms, die über Jahrzehnte großen Anteil an der Gestaltung der Stadt hatte.
 "Wir Freien Wähler können uns ohne Rücksicht auf höhere politische Ebenen dem Kerngeschäft an der Basis widmen und stehen für die kommunale Selbstverwaltung ein, die durch den neuen Kommunalen Finanzausgleich in Frage gestellt wird", so der FWG Kreisfraktionsvorsitzende Roland Esch und zeigte sich kämpferisch: "Wir werden eine bessere finanzielle Ausstattung vom Land fordern und im Zweifelsfall auch klagen."

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